3 Follower
8 Ich folge
milkysilvermoon

milkysilvermoon

Prager Nächte

Alchimie einer Mordnacht: Ein historischer Kriminalroman - Benjamin Black, Elke Link

Prag im Winter 1599/1600: Der 25-jährige Christian Stern, ein unehelicher Sohn des Bischofs von Regensburg, ist gerade neu in die Stadt gekommen. Der ehrgeizige Gelehrte und Alchimist will am Hof des Habsburgers Rudolf II Karriere machen. Aber ein Mord kommt ihn in die Quere: Schon in der ersten Nacht findet er die Leiche der erst 16-jährigen Magdalena Kroll im Schnee. Ihre Kehle wurde brutal aufgeschlitzt. Das Opfer scheint aus gutem Hause zu sein. Als Fremder gerät Christian sofort in den Verdacht, der Killer zu sein. Dann jedoch wird er zum Ermittler wider Willen. Und als er die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich zieht, könnte auch sein eigenes Leben in Gefahr sein…

 

„Alchimie einer Mordnacht“ von John Banville alias Benjamin Black ist ein historischer Kriminalroman.

 

Meine Meinung:

Der Roman besteht aus zwei Teilen: Der erste spielt im Dezember 1599, der zweite im Januar 1600. Untergliedert ist er außerdem in 27 Kapiteln von einer angenehmen Länge. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Christian. Dieser Aufbau funktioniert gut.

 

Der Schreibstil ist eher anspruchsvoll, aber dennoch flüssig, detailliert und anschaulich. Die Sprache wirkt durchaus authentisch. Der Einstieg in die Geschichte fällt leicht.

 

Mit Christian Stern steht ein Hauptprotagonist im Mittelpunkt, den ich nicht auf Anhieb sympathisch fand, zu dem ich jedoch im Laufe des Romans einen Zugang erhalten habe. Auch viele weitere Charaktere sind reizvoll angelegt und differenziert gezeichnet.

 

Die Handlung ist nicht durchgehend spannend und die Ermittlungen stehen weniger im Vordergrund als bei einem klassischen Krimi. Dennoch kommt beim Lesen keine Langeweile auf, denn es gibt mehrere Wendungen und ich bin gerne in das atmosphärisch geschilderte Prag früherer Zeiten eingetaucht.  Die Auflösung erscheint mir plausibel.

 

Zum Lesegenuss trägt bei, dass die Geschichte einige historische Aspekte vermittelt. Gekonnt werden Fakten und Fiktion miteinander verwoben. Interessant finde ich auch die Nachbemerkung des Autors, in der er den Wahrheitsgehalt der Geschichte erläutert und auf die historischen Figuren eingeht. Hier zeigt sich die fundierte Recherche.

 

Das stimmungsvolle Cover und die hochwertige Aufmachung der gebundenen Ausgabe gefallen mir sehr gut. Der deutsche Titel ist allerdings nicht so treffend gewählt wie das englische Original („Prague Nights“), das ich inhaltlich für passender halte.

 

Mein Fazit:

Obwohl „Alchimie einer Mordnacht“ von John Banville alias Benjamin Black für mich weder ein Krimi noch ein klassischer historischer Roman ist, hat mir das Buch unterhaltsame Lesestunden beschert.

Drei junge Menschen auf der Suche nach einer besseren Welt

Als das Leben unsere Träume fand: Roman - Luca Di Fulvio, Barbara Neeb, Katharina Schmidt

Drei junge Menschen, drei Schicksalsschläge: Eine Schiffsreise nach Buenos Aires bringt neue Hoffnung. Rocco Bonfiglio (20) aus Sizilien ist auf der Flucht vor der Mafia, denn er möchte nicht zum Mörder werden und verweigert dem Paten den Treueschwur. Auch Rosetta Tricarico verlässt die italienische Insel, nachdem sie brutal vergewaltigt wurde und sich einen Don zum Feind gemacht hat. Ebenso musste die russische Jüdin Rachael Bücherbaum (13), später Raquel genannt, ihre Heimat hinter sich lassen, als ihr Vater zum Opfer eines Pogroms wurde. In dem neuen Land erhoffen sich die drei jungen Leute ein besseres Leben, doch sie stehen vor großen Problemen…

 

„Als das Leben unsere Träume fand“ von Luca Di Fulvio ist ein bewegender Roman.

 

Meine Meinung:

Der Roman besteht aus vier Teilen und insgesamt 75 Kapiteln von einer angenehmen Länge. Die Handlung beginnt im Jahr 1912 und reicht bis ins Jahr 1913. Sie spielt an wechselnden Schauplätzen. Zunächst sind die Erzählstränge getrennt, werden aber später verknüpft. Dieser Aufbau des Romans funktioniert gut.

 

Der Schreibstil ist anschaulich, lebhaft, flüssig und detailreich. Die Beschreibungen sind intensiv und eindringlich. Es gibt viel wörtliche Rede. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir leicht.

 

Die drei jungen Hauptprotagonisten Rosetta, Raquel und Rocco gefallen mir gut, denn sie sind starke und mutige Charaktere. Es sind jedoch gleichzeitig Menschen mit Schwächen und Fehlern, was sie mir sympathisch gemacht hat. Einige andere Nebenfiguren bleiben jedoch ziemlich eindimensional und sind stark überzeichnet.

 

Inhaltlich konnte mich die Geschichte sehr bewegen. Es geht um ernste Themen wie Tod, Kriminalität, Antisemitismus, Gewalt gegenüber Frauen, Prostitution, Heimatverlust und einige andere Schicksalsschläge.

 

Auf unterhaltsame Art webt der Autor historische Aspekte in die Geschichte ein. So erfährt man einige interessante Fakten, die mir bisher nicht bekannt waren. Dazu gehört unter anderem die „Zwi Migdal“. Ein wenig vermisst habe ich allerdings ein ausführlicheres Nachwort, das das Ganze ein wenig einordnet. Die sehr kurze Erklärung zu Beginn des Romans ist mir ein wenig zu dürftig ausgefallen.

 

Die Handlung kann mit vielen spannenden Momenten fesseln. Trotz der hohen Seitenzahl wird die Geschichte nicht langweilig. Allerdings sind einige Schilderungen für meinen Geschmack unnötig ausführlich und brutal. Zudem sind mir einige Übertreibungen, Logikfehler und Widersprüche aufgefallen, die dafür sorgen, dass ich nicht alle Geschehnisse als realitätsnah empfunden habe.

 

Sehr gefällt mir das stimmungsvolle Cover, das gut zur Geschichte und auch zur Gestaltung der übrigen Werke des Autors passt. Der Titel klingt poetisch und ist harmonischer als der tatsächliche Inhalt.

 

Mein Fazit:

„Als das Leben unsere Träume fand“ von Luca Di Fulvio ist ein spannender, sehr unterhaltsamer Roman mit kleineren Schwächen. Eine Geschichte, die mich bewegen konnte.

Crazy Lazy und die einsame Vita

Ich komme mit: Roman - Angelika Waldis

Schon seit 42 Jahren wohnt Vita Maier (72) in dem Haus in der Torstraße 6. Ihr Mann ist bereits tot, ihr Sohn ausgewandert. Für den Studenten Lazar Laval (20), genannt Lazy, der auch in dem Gebäude zu Hause ist, ist sie bloß die Alte von oben. Doch Vita nimmt ihn bei sich auf, nachdem er von seiner Freundin Elsie verlassen wurde. Seine schwere Krankheit, Leukämie, hat die Geliebte abgeschreckt. Mager und erschöpft weckt er Vitas Mitgefühl. Eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht. Als Lazy erfährt, dass er dem Tode geweiht ist, begeben sich die zwei Lebensmüden auf eine verrückte letzte Reise.

„Ich komme mit“ von Angelika Waldis ist ein berührender Roman.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus 15 Kapiteln. Zudem gibt es eine Art Prolog. Erzählt abwechselnd aus der Sicht von Lazy (aus der Ich-Perspektive) und der von Vita. Dieser Aufbau gefällt mir gut.

Ein Pluspunkt ist der ungewöhnliche Schreibstil. Besondere Sprachbilder und -spielereien sowie poetische Beschreibungen tauchen immer wieder auf. Gekennzeichnet ist der Stil außerdem durch knappe Sätze und neue Wortschöpfungen. Dennoch wird das Lesen nicht mühsam, sondern – im Gegenteil – zu einem Genuss. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir leicht.

Mit Lazy und Vita stehen zwei spezielle und recht gegensätzliche Protagonisten im Vordergrund – eine reizvolle Mischung. Die zwei Charaktere waren mir schnell sympathisch. Gerne habe ich die Entwicklung der beiden und die Entstehung einer Freundschaft verfolgt.

Inhaltlich konnte mich der Roman sehr bewegen, denn Themen wie Krankheit, Sterben und das Altern werden in den Mittelpunkt gerückt. Doch es klingen auch lebensbejahende, humorvolle Töne an und nicht nur traurige und ernste. Viele Weisheiten und Denkimpulse sind eingestreut und regen zum Nachdenken an.

Der Roman über die besondere Freundschaft der beiden erzählt eine ruhige, spannungsarme Geschichte. Dennoch kommt beim Lesen keine Langeweile auf – und das liegt nicht nur an der eher geringen Seitenzahl. Allerdings hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle mehr Ausführlichkeit gewünscht.

Das reduzierte Cover und die wertige Aufmachung des Buches treffen genau meinen Geschmack. Den Titel finde ich ebenfalls passend.

Mein Fazit:
Mit „Ich komme mit“  ist Angelika Waldis ein bewegender und sprachlich besonderer Roman gelungen, der zum Nachdenken einlädt.

Das alte Stundenglas

Die Sonnenschwestern: Roman - Tracy Rees

Der kleine Küstenort Tenby in den 1950er-Jahren: Die junge Chloe Samuels verbringt ihre Sommerferien jeweils im Süden von Wales. Bei ihr ist oft ihr Sandkastenfreund LLew, ein kluger Junge aus armen Verhältnissen. Er ist heimlich in Chloe verliebt, aber ein dramatischer Vorfall bringt die beiden auseinander. Sie sehen sich nie wieder und können sich doch nicht vergessen.
London, 50 Jahre später: Die 39-jährige Nora folgt einer Vision. Nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten Simon kündigt sie nun spontan ihren Job als Büroleiterin an der Uni und ihre Wohnung. Zum Ärger ihrer 75-jährigen Mutter Jasmine geht sie nach Tenby, um sich auf die Spuren ihrer Familie zu begeben. Was verbindet die Frauen? Welchem dunklen Geheimnis kommt Nora näher? Was verheimlicht ihre Mutter? Und was hat ihre 93-jährige Großmutter damit zu tun?

„Die Sonnenschwestern“ ist ein Familienroman von Tracy Rees.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus mehreren kurzen Kapiteln, die von einem Pro- und einem Epilog eingerahmt werden. Die Geschichte wird abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt: der von Nora und der von Chloe. Cliffhanger am Ende der Abschnitte animieren zum Weiterlesen. Darüber hinaus gibt es zwei Zeitebenen: die jüngere Vergangenheit und die Geschehnisse, die 50 Jahre zurückliegen. Dieser Aufbau funktioniert gut.

Der Schreibstil ist anschaulich, flüssig und angenehm zu lesen. Durch viel wörtliche Rede und atmosphärische Beschreibungen wirkt das Geschehen sehr lebhaft. Ich konnte gut in die Geschichte eintauchen.

Im Mittelpunkt stehen die interessanten Hauptprotagonistinnen Nora und Chloe. Die Gefühls- und Gedankenwelt der beiden wird sehr gut deutlich. Während mir Chloe schnell sympathisch war, konnte ich mich mit Nora anfangs weniger identifizieren. Jedoch macht Letztere eine positive Entwicklung durch, was mir gut gefallen hat. Auch die übrigen Charaktere werden detailliert und lebensnah dargestellt.

Die Geschichte kommt nur langsam in Fahrt und hat einige Längen. Es braucht eine Weile, bis sich die Spannung steigert. Dennoch ist die Handlung unterhaltsam und die Auflösung absolut schlüssig. Inhaltlich konnte mich der Roman außerdem berühren.

Viel Wert legt die Autorin glücklicherweise auf historische Details. Sie belegen die fundierte Recherche. Weitere Pluspunkte sind für mich das kleine Glossar mit walisischen Begriffen und ein Rezept.

Das Cover ist ansprechend gestaltet. Der deutsche Titel ist allerdings leider nicht so treffend wie das englische Original („The hourglass“).

Mein Fazit:
„Die Sonnenschwestern“ ist ein bewegender Roman von Tracy Rees, der unterhaltsame Lesestunden bereitet. Vor allem für Fans von Familiengeschichten eine empfehlenswerte Lektüre.

In den Zeiten der Cholera

Die Charité: Hoffnung und Schicksal (ungekürzte Lesung auf 2 MP3-CDs) - Ulrike Schweikert (Autorin), Beate Rysopp (Sprecherin)

Berlin im August 1831: Die Cholera greift in Deutschland um sich. Als auf einem Kahn auf der Spree der Schiffer Hans Mater qualvoll stirbt, kommt die heimtückische Krankheit auch in der Charité an. In dem Krankenhaus versuchen Professor Johann Friedrich Dieffenbach, ein Chirurg, und seine Kollegen mit Hochdruck, Überträger und Heilmittel auszumachen. Neben dem Kampf um das Überleben Tausender Menschen kommt er Gräfin Ludovica näher, die mit einem Hypochonder verheiratet ist. Auch Hebamme Martha Vogelsang leidet unter ihrer Ehe. Um ihrem Sohn August eine bessere Zukunft zu bieten, verdingt sie sich im Totenhaus der Charité. Und dann ist da noch die 19-jährige Krankenwärterin Elisabeth Bergmann, die nicht nur ihre Liebe für die Medizin, sondern auch die zu einem jungen Arzt entdeckt…

„Die Charité: Hoffnung und Schicksal“ ist der erste Band der Reihe um das bekannte Krankenhaus von Ulrike Schweikert.

Meine Meinung:
Nach dem Prolog ist der Roman in mehrere Bücher unterteilt, die wiederum aus mehreren Kapiteln bestehen. Erzählt wird aus der Perspektive verschiedener Personen. Dieser Aufbau funktioniert gut.

Der Schreibstil ist nicht nur flüssig und angenehm, sondern auch eindringlich und anschaulich. Durch detaillierte Beschreibungen wird eine lebendige Atmosphäre geschaffen, die mich schnell in die Geschichte eintauchen ließ.

Aufgrund der Vielzahl an Personen, die im Roman auftauchen, fiel mir vor allem anfangs eine Orientierung nicht besonders leicht. Dadurch lernt man allerdings auch etliche interessante Charaktere kennen. Vor allem Hebamme Martha und Pflegerin Elisabeth waren mir schon nach kurzer Zeit sympathisch. Sie werden liebevoll und warmherzig charakterisiert. Auch die übrigen Personen bleiben nicht blass, sondern werden detailliert und realitätsnah geschildert.

Trotz der recht hohen Seitenzahl wirkt die Geschichte nur an wenigen Stellen etwas langatmig. Überwiegend ist die Handlung abwechslungsreich und unterhaltsam. Vor allem die unterschiedlichen Leiden der Patienten und deren dramatische Geschichten, aber auch die Schicksale der Protagonisten sorgen für vielerlei bewegende Momente.

Ein Pluspunkt ist für mich, dass im Roman historische Fakten mit Fiktion verwoben werden. Neben erfundenen Charakteren greift die Autorin auf belegbare Persönlichkeiten wie Dr. Dieffenbach zurück. Darüber hinaus wird ihre fundierte Recherche an vielen Stellen deutlich, denn die Umstände in der damaligen Zeit, die Anfänge der moderneren Medizin und andere historische Tatsachen werden auf kurzweilige Weise erklärt. Somit ist die Lektüre auch lehrreich.

Das Cover wirkt ein wenig kitschig, passt inhaltlich aber sehr gut. Auch der Titel ist treffend gewählt.

Ich habe die Geschichte als ungekürzte Lesung gehört. Dabei hat Sprecherin Beate Rysopp einen guten Job gemacht.

Mein Fazit:
„Die Charité: Hoffnung und Schicksal“ von Ulrike Schweikert ist ein gelungener Roman, der nicht nur Geschichtsfans schöne Lese- oder Hörstunden beschert. Auf die Fortsetzung der Reihe bin ich gespannt.

Unsichtbare Verbindungen

Loyalitäten: Roman - Delphine de Vigan, Doris Heinemann

Théo Lubin ist erst zwölfeinhalb Jahre alt und hat bereits ein Alkoholproblem. Seine Eltern haben sich scheiden lassen. Nun kümmert sich der Junge um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. Théos Lehrerin Hélène bekommt mit, dass etwas mit dem stillen Schüler nicht stimmt. Doch ihre Beobachtungen nimmt niemand so richtig ernst. Auch Thèos Freund Mathis Guillaume weiß nicht, was er tun soll, denn sein eigener älterer Bruder besorgt den Alkohol und plant ein gefährliches Spiel, das Théo das Leben kosten könnte…

„Loyalitäten“ ist ein berührender Roman von Delphine de Vigan.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus einigen kurzen Abschnitten. Im Wechsel werden die Kapitel aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählt: Lehrerin Hélène (Ich-Perspektive), Théo, Mathis und Cécile (ebenfalls Ich-Perspektive). Dieser Aufbau ist gut durchdacht.

Der besondere Schreibstil ist eindringlich, einfühlsam und gleichzeitig intensiv. In sprachlicher Hinsicht tritt das ganze Können der Autorin zutage. Schnell entfaltet die Geschichte eine Sogwirkung, der ich mich nur schwer entziehen konnte, sodass ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe.

Die Charaktere wirken sehr lebensnah, haben sie doch alle ihre Ecken und Kanten. Durch den Perspektivwechsel kann man sich gut in sie hineindenken und ihr Verhalten nachvollziehen.

Auch inhaltlich konnte mich der Roman überzeugen, denn trotz der eher wenigen Seiten mangelt es ihm nicht an Tiefgang. Eine Stärke ist es, dass gesellschaftskritische Komponenten nicht fehlen. Dabei geht es nicht nur um die Alkoholkonsum von Minderjährigen. Auch wichtige zwischenmenschliche Aspekte wie Liebe, Treue, Vertrauen, Schuld und andere Verflechtungen werden beleuchtet. Dabei dreht es sich um die Folgen der Loyalitäten, jene unsichtbare Verbindungen, die alle Personen betreffen. Dadurch regt die Geschichte zum Nachdenken an.

Trotz der ernsten Themen wird die Handlung nicht langweilig, sondern bleibt bis zum Ende spannend und fesselnd. Zudem gelingt es der Autorin, mit der Geschichte zu bewegen und betroffen zu machen.

Das schlichte, aber ansprechende Cover und der kurze, prägnante Titel, der sich stark am französischen Original („Les loyautés“) orientiert, passen nach meiner Ansicht dazu hervorragend.

Mein Fazit:
„Loyalitäten“ von Delphine de Vigan ist ein gelungener Roman über Themen, die uns alle angehen. Eine empfehlenswerte Lektüre, die nachdenklich macht und noch eine Weile bei mir nachklingen wird.

Der verwaiste Hirtenjunge und die Bauerstochter

Königskinder: Roman - Alex Capus

Seit 26 Jahren sind Max und Tina ein Paar. Auf einem Alpenpass rutscht ihr Auto bei heftigem Schnee in den Graben, die beiden werden eingeschneit. Also erzählt Max seiner Tina eine Geschichte: Jakob Boschung, ein armer Hirtenjunge, trifft im Greyerzerland in der Schweiz im Jahr 1779 auf die wohlhabende Bauerstochter Marie-Françoise Magnin. Für den damals 22-Jährigen und die 19-Jährige ist es Liebe auf den ersten Blick, doch der Vater der jungen Frau ist gegen die Verbindung. Jakob geht für mehrere Jahre zum Militär, während Marie auf ihn wartet. Doch auch bei seiner Rückkehr stoßen die Verliebten auf Widerstände…

„Königskinder“ ist ein Roman von Alex Capus, der in die Zeit vor und während der Französischen Revolution entführt.

Meine Meinung:
Der Roman ist nicht in Kapitel untergliedert, aber in etliche Abschnitte aufgeteilt. Dabei gibt es zwei Ebenen: Einerseits die Gegenwart, die im Präteritum erzählt wird und in der Max Tina die Geschichte erzählt, und andererseits die lange vergangenen Geschehnisse um Jakob und Marie, die im Präsens geschildert werden. Trotz der Wechsel zwischen den beiden Strängen fällt es nicht schwer, den Überblick zu behalten.

Sprachlich konnte mich der Roman absolut überzeugen. Der Schreibstil ist sehr angenehm, anschaulich, einfühlsam und stellenweise poetisch. Die Sprache passt sich den unterschiedlichen Zeitebenen an. Durch viel wörtliche Rede und gelungene Beschreibungen entsteht ein bildhafter Erzählstil.

Im Vordergrund des Romans stehen die beiden Paare. Jakob und Marie sind sehr sympathische Protagonisten, deren Geschichte mich fesseln und bewegen konnte. Beide Charaktere sind interessant und wirken authentisch. Realitätsnah wird auch die Interaktion von Max und Tina dargestellt, wobei die beiden jedoch recht blass bleiben. Durch die Dialoge wird zwar ein gutes Bild auf deren Beziehung geworfen. Darüber hinaus erfährt man allerdings leider recht wenig über sie.

Obwohl der Roman ein Werk der leisen Töne ist, kommt beim Lesen keine Langeweile auf – und das liegt nicht nur an der eher geringen Seitenzahl. Das Buch beinhaltet nämlich eine Menge Witz und interessante Infos. Ein Pluspunkt ist für mich, dass die Geschichte um Jakob und Marie auf einer wahren Begebenheit basiert. Im Roman wird auf einige historische Details wie die Zustände am Hof von Ludwig XVI. in Versailles eingegangen, so dass die Lektüre nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich ist. In vielen Details zeigt sich die fundierte Recherche des Autors.

Das optisch ansprechende Cover passt meiner Ansicht nach gut zum Inhalt. Auch den Titel finde ich treffend.

Mein Fazit:
„Königskinder“ von Alex Capus ist ein unterhaltsamer und bewegender Roman, der für schöne Lesestunden sorgt. Eine kurze, aber empfehlenswerte Lektüre.

Einblicke in die sächsische Provinz

Mit der Faust in die Welt schlagen: Roman - Lukas Rietzschel

Der Ort Neschwitz in Ostsachsen mehrere Jahre nach dem Mauerfall: Philipp und Tobias Zschornack wachsen als Söhne eines Elektrikers und einer Krankenschwester auf. Der Hausbau der Eltern soll der Aufbruch in ein neues Leben sein. Doch dort gibt es auch die Verlierer der Wende. Man fühlt sich vergessen, der Alltag ist geprägt von Gleichförmigkeit und der Angst vor dem Verlust der Heimat. Diese Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als der Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation...

„Mit der Faust in die Welt schlagen" ist der Debütroman von Lukas Rietzschel.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus drei Teilen, die wiederum in mehrere kurze Kapitel untergliedert sind. Die Geschichte spielt zwischen 2000 und 2004, 2004 und 2006 sowie 2013 bis 2015. Erzählt wird vorwiegend, aber nicht nur aus der Sicht von Philipp und Tobias. Dieser Aufbau funktioniert recht gut.

Der Schreibstil ist ziemlich kühl und nüchtern. Die Sätze sind meist knapp und schnörkellos. Auch wird auf viele Details verzichtet, was wohl daran liegt, dass der Autor vermutlich eine möglichst allgemeingültige Situation beschreiben wollte. Beim Lesen wird einiges an Aufmerksamkeit gefordert.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Hauptprotagonisten Tobias und Philipp, die ich als realitätsnah empfunden habe. Blass sind die Nebenfiguren wie beispielsweise die namenlosen Charaktere von Vater und Mutter.

Ein großer Pluspunkt des Romans ist seine Aktualität angesichts des Erstarkens des Rechtsextremismus. Die politische Problematik und die Chronik der gesellschaftlichen Entwicklungen machen für mich den Reiz der Geschichte aus. In dieser Hinsicht regt das Buch zum Nachdenken an. Allerdings bleibt der Roman für meinen Geschmack noch etwas zu sehr an der Oberfläche.

Das Cover erweckt Aufmerksamkeit und passt inhaltlich gut. Auch der Titel ist treffend gewählt.

Mein Fazit:
„Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel ist keine gefällige, sondern eine unbequeme Lektüre über ein wichtiges und brandaktuelles Thema. Ein Roman, der erklärt, aufrüttelt und betroffen macht.

Hast du genug geliebt?

Das rote Adressbuch: Hast du genug geliebt in deinem Leben? - Roman - Sofia Lundberg, Kerstin Schöps

Die 96-jährige Doris Alm lebt in Stockholm und ist auf die Hilfe von Pflegekräften angewiesen, als sie einen Blick zurück auf ihr Leben wirft. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im Schweden der 1920er-Jahre, erhält sie im Alter von zehn Jahren von ihrem Vater Eric ein rotes Adressbuch als Geschenk. Darin soll sie die Menschen verewigen, die ihr etwas bedeuten. Auch im hohen Alter passt sie gut darauf auf. Sie beschließt, für ihre Großnichte Jenny anhand der Einträge im Adressbuch die Geschichte ihres sehr bewegten Lebens niederzuschreiben…

„Das rote Adressbuch“ ist der berührende Debütroman von Sofia Lundberg.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus 37 eher kurzen Kapiteln und endet mit einem Epilog. Passagen aus der Gegenwart wechseln sich mit solchen aus der Vergangenheit ab, wobei die Übergänge gut markiert sind. Die Erinnerungen von Doris werden in der Ich-Perspektive erzählt. Die unterschiedlichen Episoden werden mit Namen aus dem Adressbuch überschrieben. Der Aufbau ist durchdacht und funktioniert prima.

Der Schreibstil ist nicht nur angenehm und flüssig, sondern auch sehr einfühlsam und gefühlvoll. Mit einem liebevollen Blick für Details und die Hauptprotagonistin wird viel Atmosphäre transportiert. Schnell bin ich in die Geschichte eingetaucht und habe das Buch nur ungerne zur Seite gelegt.

Im Mittelpunkt des Romans steht Doris Alm, die ich als Hauptcharakter wegen ihrer sympathischen Art schon nach wenigen Seiten in mein Herz geschlossen habe. Sie wirkt ebenso authentisch wie die übrigen Personen. Zwar bleiben viele der Nebenfiguren dagegen blass. Dies hat mich jedoch beim Lesen nicht gestört.

Die Handlung ist dank der unterschiedlichen Episoden in Doris‘ Leben abwechslungsreich. Die Geschichte bleibt kurzweilig und konnte mich fesseln.

Eine Stärke des Romans ist es, dass er sehr emotional und bewegend ist. Es geht um Themen wie Liebe und Glück, aber auch um Verlust, Trauer und Einsamkeit. Immer wieder sind Lebensweisheiten eingeflochten. Dadurch regt die Geschichte zum Nachdenken an und wird wohl noch eine Weile bei mir nachklingen.

Die Grundidee hat mich gleich angesprochen. Schön finde ich, dass die Geschichte sogar auf einer wahren Persönlichkeit basiert, der unverheirateten und inzwischen verstorbenen Großtante der Autorin, die ebenfalls Doris hieß.

Sehr gut gefällt mir auch das Cover, das sich optisch an das rote Adressbuch anlehnt und sehr hübsch gestaltet ist. Der deutsche Titel ist erfreulicherweise sehr wortgetreu aus dem Schwedischen übersetzt und passt natürlich inhaltlich auch hervorragend zur Geschichte.

Mein Fazit:
„Das rote Adressbuch“ von Sofia Lundberg ist ein gelungener Roman, der mich bewegen und überzeugen konnte. Ich kann die Geschichte wärmstens empfehlen.

Als das Leben in den Südstaaten noch rauer war

Alligatoren - Deb Spera, Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

Branchville Anfang der 1920er-Jahre: Gertrude Pardee führt ein hartes Leben. Ihr Mann Alvin ist ein gewalttätiger Säufer, die Familie lebt in solch ärmlichen Verhältnissen, dass auch die Töchter hungern müssen. Wirtschaftlich besser geht es Plantagenbesitzerin Annie Coles, die jedoch auch mit persönlichen Problemen zu kämpfen hat. Und dann ist da noch ihre farbige Haushälterin Oretta Bootles, kurz Retta, in erster Generation von der Sklaverei befreit. Alle drei Frauen wirken zunächst sehr verschieden, doch sie haben den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung gemeinsam. Und dann passiert etwas, das sie zusammenbringt…

„Alligatoren“ ist der berührende Debütroman von Deb Spera, der in den Südstaaten zu der Zeit vor der großen Wirtschaftskrise spielt.

Meine Meinung:
Das Buch besteht aus fünf Teilen, die mehrere Kapiteln beinhalten, sowie einem Epilog. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive – und zwar im Wechsel aus der Sicht von Gertrude, Annie und Retta. Zunächst haben die drei Erzählstränge wenige Berührungspunkte. Dann werden sie immer stärker miteinander verwoben. Dieser Aufbau hat mir gut gefallen.

Der Schreibstil ist flüssig, anschaulich und eindringlich, aber auch angenehm unaufgeregt. Die Sprache ist sehr einfach, was aber gut zum Bildungsgrad vor allem von Gertrude und Retta passt. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir nicht schwer.

Schön finde ich es, dass man es sogar mit drei starken Frauencharakteren zu tun hat. Die Hauptprotagonistinnen sind mir nicht alle gleichermaßen sympathisch. Doch sie werden interessant, detailliert und authentisch dargestellt. Ihre Gedanken lassen sich gut nachvollziehen.

Der Inhalt des Romans konnte mich sehr bewegen, denn es geht um emotionale Themen wie Liebe, Freiheit und Verlust. Der harte Kampf der Frauen ums Überleben vor dem Hintergrund von Hunger, Armut und Krankheit sowie die teils grausamen Umstände der damaligen Zeit machen betroffen.

Trotz der eher hohen Seitenzahl habe ich die Geschichte größtenteils nicht als langatmig empfunden, denn es gibt immer wieder spannende Passagen.

Gerne habe ich etwas über das Leben in den Südstaaten zur damaligen Zeit gelernt. Die Anmerkungen zum geschichtlichen Hintergrund des Romans belegen die Recherchearbeit der Autorin.

Das Cover passt meiner Ansicht nach inhaltlich sehr gut zur Geschichte. Der deutsche Titel orientiert sich stark am amerikanischen Original, was ich gut finde.

Mein Fazit:
„Alligatoren“ von Deb Spera ist ein aufwühlender Roman über drei Frauenschicksale. Keine leichte Kost, aber eine empfehlenswerte Lektüre.

Aussage gegen Aussage

Vier.Zwei.Eins.: 4 Menschen, 2 Wahrheiten, 1 Lüge - Erin Kelly, Susanne Goga-Klinkenberg

Cornwall im Sommer 1999: Kit und Laura sind noch jung, als sie eine totale Sonnenfinsternis erleben. Auf dem Weg zurück  glaubt Laura eine brutale Vergewaltigung gesehen zu haben. Doch der Mann, Jamie, bestreitet alles. Elizabeth Taylor, kurz Beth, die Frau, schweigt. Monate nach der Gerichtsverhandlung, bei der der Mann verurteilt wird, steht die Frau plötzlich vor Lauras und Kits Tür und schleicht sich in deren Leben. 15 Jahre später leben Laura und Kit unter falschem Namen und haben Angst vor Beth. Was ist damals wirklich passiert? Und ist Beth eine Bedrohung?

„Vier. Zwei. Eins“ ist ein ungewöhnlicher Psychothriller von Erin Kelly.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus fünf Teilen, die nach den einzelnen Phasen einer Sonnenfinsternis benannt sind – eine schöne Idee. Zudem gibt es insgesamt 66 Kapitel mit einer angenehmen Länge, die einheitlich und übersichtlich beschriftet sind. Vorangestellt ist ein Prolog. Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht von Laura und Kit – jeweils aus der Ich-Perspektive. Die Handlung spielt einerseits im Jahr 2015 und andererseits im Jahr 2000. Dieser sorgfältig durchdachte Aufbau kommt gut bei mir an.

Der Schreibstil ist flüssig, anschaulich und detailliert. Von Anfang an herrscht eine bedrohliche, etwas düstere Atmosphäre, die mich schnell gefesselt hat. Obwohl die ersten Seiten ziemlich verwirrend sind und die Geschichte nur allmählich an Fahrt aufnimmt, habe ich das Buch wegen dieser unterschwelligen Spannung nur ungern zur Seite gelegt.

Die Personen des Romans bleiben lange Zeit schwer durchschaubar. Das gilt auch für die beiden Hauptprotagonisten Laura und Kit, deren Gedankenwelt man teils gut nachvollziehen kann, teils jedoch auch nicht, weil man immer wieder rätselt, worum es genau geht. Lange Zeit bleibt unklar, wer gut und wer böse ist. Die Charaktere werden realitätsnah dargestellt.

Inhaltlich hat der Roman einige Überraschungen zu bieten. Die Handlung kann mehrere  kreative Wendungen bieten, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Trotz der eher hohen Seitenzahl kommt beim Lesen keine Langeweile auf. Die Geschichte bleibt spannend und unterhaltsam. Die Auflösung erscheint mir absolut schlüssig.

Das Cover gefällt mir optisch und inhaltlich sehr gut. Der deutsche Titel macht neugierig. Allerdings finde ich die Formulierung im englischen Original („He said – she said“) etwas treffender.

Mein Fazit:
„Vier. Zwei. Eins“ von Erin Kelly ist ein clever konstruierter Psychothriller, der mich überraschen und überzeugen konnte. Eine empfehlenswerte Lektüre für Fans von Spannungsliteratur.

Wie Lügen eine Familie ins Unglück stürzen können

All die Jahre - J. Courtney Sullivan, Svenja Pages

Patrick ist erst 50 Jahre alt, als er bei einem Autounfall stirbt. Für seine Familie ist es ein großer Schock, der alle dazu bringt, über die eigene Lebenssituation nachzudenken. Da ist vor allem Nora Rafferty (73), die gemeinsam mit ihrem bereits verstorbenen Mann Charlie nicht nur Patrick, sondern auch ihre übrigen Kinder John, Bridget und Brian großgezogen hat. Und da ist ihre jüngere Schwester Theresa Flynn, die im Jahr 1957 mit ihr aus Irland per Schiff in die USA gekommen ist und die jetzt als Mutter Cecilia in einem Kloster lebt. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie leiden unter Geheimnissen – unter ihren eigenen und unter denen der anderen.

„All die Jahre“ von J. Courtney Sullivan ist eine berührende Familiengeschichte.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus acht Teilen, einem Vor- und einem Abspann. Die Handlung spielt abwechselnd im Jahr 2009 sowie in der weiter zurückliegenden Vergangenheit, und zwar zwischen 1957 und 1976. Erzählt wird vorwiegend im Wechsel aus den Perspektiven von Nora und Theresa, zwischendurch jedoch auch aus denen von John, Bridget und Brian. Dieser Aufbau funktioniert recht gut.

Der Schreibstil ist angenehm, flüssig, anschaulich und eindringlich. Der Einstieg ist ein wenig verwirrend, doch dann habe ich gut in die Geschichte gefunden.

Mit Nora und Theresa stehen zwei ziemlich unterschiedliche Schwestern im Mittelpunkt. Mit beiden kann ich mich nicht stark identifizieren, da sie für mich keine typischen Sympathieträgerinnen sind. Dennoch ist ihr Verhalten konsistent und gut nachvollziehbar, denn die Gedanken- und Gefühlswelt der zwei Frauen nimmt viel Raum ein. Die beiden Hauptcharaktere werden vielschichtig und realitätsnah dargestellt. Letzteres trifft auch auf John, Bridget und Brian zu, die ich ebenfalls als interessante und facettenreiche Figuren empfinde.

Gut gefallen hat mir auch, dass im Roman viele verschiedene Themen angesprochen wurden. Der rote Faden sind dabei die Konflikte, die die Folge von Lügen und Heimlichtuerei sind. Die Handlung wird durch das stückweise Aufdecken mehrerer Geheimnisse abwechslungsreich und unterhaltsam. Gleichzeitig regt der Roman zum Nachdenken an.

Die Geschichte hat einige Wendungen zu bieten, die teils mehr, teils weniger vorhersehbar sind. Vor allem in der Mitte kommt es aber zu einigen Längen, die besonders durch unnötige Wiederholungen entstehen.

Ich habe den Roman als ungekürzte Hörbuchversion gehört. Sprecherin Svenja Pages hat mit ihrer angenehmen Stimme dabei einen guten Job gemacht.

Das Cover ist nicht nur ansprechend gestaltet, sondern passt auch thematisch gut zum Roman. Der deutsche Titel ist nicht so kreativ wie das amerikanische Original („Saints for all Occasions“), jedoch ebenfalls treffend gewählt.

Mein Fazit:
„All die Jahre“ von J. Courtney Sullivan ist ein komplexer und authentischer Familienroman, der viel Tiefgang zu bieten hat und für unterhaltsame Stunden sorgt.

Wie ein Unfall drei Menschen zusammenbringt

Ein unvergänglicher Sommer: Roman - Isabel Allende, Svenja Becker

Brooklyn im Januar 2016: Während eines Schneesturms fährt Professor Richard Bowmaster mit seinem Wagen auf ein anderes Auto auf. Für ihn ist der Blechschaden zunächst nichts weiter als ein Versicherungsfall, bei der er seine Visitenkarte hinterlässt. Dann aber steht am Abend die Fahrerin des anderen Fahrzeugs vor seiner Tür. Evelyn Ortega, eine junge Frau, ein illegal beschäftigtes Kindermädchen, ist geschockt. Sie hat sich das Auto ihres Arbeitgebers ohne Erlaubnis genommen und im Kofferraum nach dem Unfall eine Leiche entdeckt. Die Polizei kann sie nicht rufen. Was soll sie nun bloß tun? Gastdozentin Lucía Maraz, Richards chilenische Untermieterin, soll helfen. Sie macht unmissverständlich klar: Die Leiche muss verschwinden. Schnell begeben sich die drei auf eine ungewöhnliche Reise…

„Ein unvergänglicher Sommer“ von Isabel Allende ist ein berührender Roman.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus mehreren Kapiteln sowie einem Epilog. Es gibt mehrere Zeitebenen: Dabei geht es nicht nur um das Geschehen in der Gegenwart, sondern in Rückblenden auch um die drei interessanten Lebensgeschichten von Richard, Lucía und Evelyn. Erzählt wird aus der Perspektive der drei Hauptfiguren. Dieser Aufbau gefällt mir gut.

Der Schreibstil belegt Allendes schriftstellerisches Können und hat mich begeistert. Er ist angenehm, flüssig und anschaulich, gleichzeitig auch liebevoll. Die Sprache ist dabei klar, aber eindringlich. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir sehr leicht.

Im Mittelpunkt stehen drei reizvolle Charaktere, die authentisch dargestellt werden. Die Hauptprotagonisten werden vielschichtig beschrieben. Vor allem die beiden Frauen waren mir schnell sympathisch.

Eine Stärke des Romans liegt in den bewegenden Schicksalen, die geschildert werden. Dabei geht es um mehrere interessante Themen wie Armut und Kriminalität, Flucht und illegale Einwanderung, politische Entwicklungen und einiges mehr. Auch existenzielle Fragen werden angeschnitten. Somit regt die Geschichte zum Nachdenken an und konnte mich auch emotional erreichen.

Langeweile kommt beim Lesen nicht auf, denn die Handlung hat unter anderem mehrere Wendungen zu bieten. Neben traurigen Passagen dürfen auch humorvolle Momente nicht fehlen. Diese Mischung ist sehr unterhaltsam.

Das Cover finde ich sehr ansprechend und geschmackvoll gestaltet. Auch der Titel des Buches ist treffend gewählt.

Mein Fazit:
Mit „Ein unvergänglicher Sommer“ ist Isabel Allende ein lesenswerter Roman gelungen, den ich wärmstens empfehlen kann.

Wie der Erste Weltkrieg viele Leben veränderte

Was wir zu hoffen wagten: Roman - Michaela Saalfeld

Berlin in den 1910er-Jahren: Felice zur Nieden, Anfang 20, möchte gerne Jura studieren. Doch im Kaiserreich ist dies Frauen nicht erlaubt. Auch ihr jüngerer Bruder Willi muss zurückstecken: Anstatt im Filmgeschäft zu arbeiten, muss er das väterliche Bankhaus übernehmen. Die kleine Schwester Ilsebill, genannt Ille, hat es ebenfalls nicht leicht, denn sie führt eine Ehe mit einem brutalen Mann. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellt die Hoffnungen der Geschwister auf den Kopf. Was soll aus ihnen werden? Und werden sie wieder zueinanderfinden?

„Was wir zu hoffen wagten" von Michaela Saalfeld ist ein historischer Roman zum Gründungsjubiläum der Weimarer Republik, der die Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg beleuchtet.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus einem Vorspann, drei weiteren Teilen und einem Abspann. Insgesamt gibt es 40 Kapitel mit einer angenehmen Länge. Die Handlung spielt zwischen den Jahren 1912 und 1919. Die Erzählperspektive wechselt. Zudem werden mehrere Briefe eingeschoben. Dieser Aufbau funktioniert gut.

Der Schreibstil ist anschaulich, flüssig und bildhaft. Dank vieler Beschreibungen wird eine Atmosphäre geschaffen, die mich schon nach den ersten Seiten gut in die Geschichte eintauchen ließ.

Die drei Geschwister sind als Charaktere sehr reizvoll. Die Hauptprotagonisten werden als Menschen mit Ecken und Kanten beschrieben, was mir gut gefallen hat. Sie werden vielschichtig dargestellt und wirken authentisch. Interessant finde ich auch einige der Nebenfiguren.

Die Handlung ist schlüssig und nachvollziehbar. Gleichzeitig bleibt die Geschichte abwechslungsreich und wird nur an wenigen Stellen etwas langatmig.

Auf gelungene Weise werden im Roman Fakten und Fiktion miteinander verwoben. Mir gefällt es gut, dass mit der Zeit rund um den Ersten Weltkrieg eine Epoche in den Mittelpunkt gestellt wird, die bisher wenig Aufmerksamkeit in solchen literarischen Werken erhalten hat. In unterhaltsamer Form gibt der Roman tiefe Einblicke in die damaligen Umstände und Begebenheiten, was ihn zu einer lehrreichen Lektüre macht. Dabei werden einige Aspekte aufgegriffen, die bisher eher wenig bekannt sind.

Ein weiterer Pluspunkt ist das Glossar, das wichtige Begriffe dieser Zeit erklärt. Interessant ist auch das Nachwort, das die fundierte Recherchearbeit und das Hintergrundwissen der Autorin belegt.

Das Cover passt nicht nur sehr gut zum Genre und dem Inhalt des Romans, sondern spricht mich auch optisch an. Der Titel ist ebenfalls treffend gewählt.

Mein Fazit:
„Was wir zu hoffen wagten" von Michaela Saalfeld ist ein gelungener Roman, der nicht nur Geschichtsfans unterhaltsame Lesestunden beschert. Ich freue mich schon auf die angekündigte Fortsetzung.

Die Schönheit und Abgründe der menschlichen Seele

Der Duft des Lebens - Clara Maria Bagus

Obwohl seine Mutter Helene direkt nach der Geburt gestorben ist, wächst Aviv in einem fernen Land sehr behütet und geliebt auf. Nun arbeitet der junge Mann als Glasbläser, als er von dem zwielichtigen, aber renommierten Arzt Arthur Benjamin Kaminski einen Auftrag erhält: Er soll 50 Glasfläschchen produzieren. Der 50-Jährige verfolgt den bösen Plan, die Seelen der Sterbenden zu rauben. Daraus will er sich eine eigene, eine vollkommene schaffen. Er hat herausgefunden, warum er zu keiner Art von Liebe fähig ist, und ihn beschleicht die Ahnung, die anderen seien mehr Mensch. Kaminski leidet darunter, von den anderen zwar gefürchtet und geachtet, aber nicht geliebt zu werden. Aviv deckt die perfiden Machenschaften des Arztes auf. Ein Wettlauf um Leben und Tod beginnt. Kann er die in den Fläschchen gefangenen Seelen befreien?

„Der Duft des Lebens“ von Clara Maria Bagus ist ein märchenhaft anmutender Roman.

Meine Meinung:
Nach dem Vorspann ist das Buch in vier Teile untergliedert, die nach den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter benannt sind. Ein Prolog und ein Epilog umschließen die Geschichte auf gelungene Weise. Darüber hinaus ist der Roman in 73 kurze Kapitel unterteilt. Solche, die die Sicht Avivs beleuchten, wechseln sich mit denen über Kaminski ab. Dieser Aufbau funktioniert prima und gefällt mir sehr gut.

Auch die bildhaft, teilweise poetische Sprache konnte mich begeistern. Der Schreibstil ist nicht nur flüssig und angenehm zu lesen, sondern auch dank vieler Vergleiche und Metaphern sehr anschaulich. Daher fiel es mir leicht, in die Geschichte einzutauchen.

Mit Aviv und Kaminski gibt es zwei sehr unterschiedliche und interessante Hauptprotagonisten, die sich als Widersacher begegnen. Die Entwicklung, die Aviv in dem Roman erlebt, finde ich positiv. Der starke Kontrast Gut/Böse führt allerdings dazu, dass beide etwas überzeichnet werden und nicht immer als sehr realitätsnahe Charaktere empfunden werden können.

Obwohl der Klappentext eine spannende Handlung verspricht, ist die Geschichte doch eher ruhig, was mich jedoch keineswegs gestört hat. Langeweile kommt beim Lesen nämlich trotzdem nicht auf. Das hängt auch damit zusammen, dass der Roman über ganz andere Stärken verfügt, zum Beispiel seine Tiefgründigkeit. Er bietet viele philosophische Denkimpulse: Was macht jemanden zu einem Menschen? Was macht die Seele aus? Wird man mit seinen Anlagen geboren? Oder haben die äußeren Umstände einen großen Einfluss? Diese und andere Fragen regen zum Nachdenken an. Ein Pluspunkt ist für mich auch, dass immer wieder positive Botschaften und Lebensweisheiten in die Geschichte eingewebt werden. Allerdings geschieht dies bisweilen etwas plakativ und ausschweifend. Dabei bewegt sich der Roman stellenweise nahe an der Grenze zum Kitsch.

Das reduzierte Cover ist ansprechend gestaltet und passt gut zur Geschichte. Auch der poetische Titel ist treffend gewählt.

Mein Fazit:
„Der Duft des Lebens“ von Clara Maria Bagus ist ein besonderer Roman, der interessante Denkimpulse liefert. Eine Lektüre, die zwar an einigen Stellen ein wenig übers Ziel hinausschießt, mir aber trotzdem schöne, unterhaltsame Lesestunden bereitet hat.

Ein Mann, der Träume erfüllen möchte

Dream Maker - Sehnsucht (The Dream Maker, Band 1) - Audrey Carlan, Friederike Ails, Christiane Sipeer

Parker Ellis hat ein gut laufendes Geschäft: Der selbsternannte Dream Maker führt seit fünf Jahren mit seinen Kumpels und Partnern Bogart „Bo“ Montgomery und Royce Sterling die Agentur „International Guy“. Die weiblichen Klienten sind Frauen, die in der Liebe, bei der Karriere und in ihrem sonstigen Leben ein Coaching benötigen. Parker erwarten drei Aufträge: die reiche Firmenerbin Sophie Rolland (24) in Paris, Schauspielerin Skyler Paige (Mitte 20) in New York und Prinzessin Christina Kaarsberg in Kopenhagen. Und mindestens eine von ihnen wird dem jungen Berater gefährlich…

„Dream Maker – Sehnsucht“ ist der erste Band einer neuen Reihe von Audrey Carlan um den Hauptprotagonisten Parker Ellis.

Meine Meinung:
Das Buch besteht aus drei Teilen, die jeweils in zehn Kapitel untergliedert sind. Erzählt wird überwiegend in der Ich-Perspektive aus Sicht von Parker Ellis, also eines Mannes, was mir gut gefallen hat. Darüber hinaus gibt es drei zusätzliche Kapitel, die ebenfalls in der Ich-Perspektive, aber aus der Sicht von Skyler geschrieben sind.

Der Schreibstil ist locker, flüssig und angenehm zu lesen. Sprachlich ist der Roman nicht besonders ausgereift, einige Formulierungen fand ich merkwürdig. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir allerdings nicht schwer.

Im Mittelpunkt steht Parker Ellis, ein etwas überheblicher und recht oberflächlicher Charakter, der mir vor allem anfangs nicht besonders sympathisch war. Jedoch deutet sich mit der Zeit eine gewisse Entwicklung an. Auch die drei Frauen, die jeweils in den Fokus rücken, wirken teilweise etwas klischeehaft. Interessanter sind dagegen seine beiden Partner und einige Nebenfiguren.

Wer die „Calendar Girl“-Reihe und das Genre kennt, wird sicherlich nicht erwarten, dass das Geschehen sehr realitätsnah ist, und darf sich an erotischen Szenen nicht stören. Den Anspruch, kurzweilig und unterhaltsam zu sein, können die drei Geschichten definitiv erfüllen. Auch die Grundidee der neuen Reihe trifft meinen Geschmack. Inhaltlich bin ich leider dennoch etwas enttäuscht, denn ich habe mir ein klein wenig mehr Tiefgang und Authentizität gewünscht. In dieser Hinsicht kommt der Auftakt der neuen Reihe nicht an die Vorgängerbücher der Autorin heran. Etliche Situationen sind nach meiner Meinung zu stark übertrieben und nicht nachzuvollziehen. Das hat den Lesegenuss bedauerlicherweise gestört.

Das Cover wiederum finde ich sehr ansprechend und gelungen. Der Titel weicht stark vom amerikanischen Original („International Guy“) ab, ist aber durchaus treffend gewählt.

Mein Fazit:
Der Auftakt der neuen „Dream Maker“-Reihe von Audrey Carlan konnte mich inhaltlich leider weniger überzeugen als „Calendar Girl“. Wer jedoch über unrealistische Szenen hinwegsehen kann, den erwartet ein kurzweiliger, unterhaltsamer Roman.