milkysilvermoon - Blog für Buchrezensionen

Süchtig nach Büchern, Kaffee und Schokolade 

 

 

Blut gegen Blut

Der Abstinent - Ian McGuire

Manchester im Jahr 1867: Nach dem Tod von Frau und Kind landet Constable James O‘Connor in England. Der 34-jährige Witwer ist in Dublin dem Alkohol verfallen. Doch in der Ferne erhält er eine zweite Chance. Im englischen Norden soll er seine Landsleute in Schach halten und insbesondere die irischen Unabhängigkeitskämpfer, die „Fenians“, ausspionieren. Die Rebellen der Bruderschaft sind gerade äußerst rachsüchtig. Und ein gerissener Kriegsveteran namens Stephen Doyle ist eigens nach Manchester gereist, um ihnen beizustehen. Ein Strudel aus Gewalt beginnt...

 

„Der Abstinent“ ist ein Roman von Ian McGuire.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus 33 Kapiteln mit einer angenehmen Länge, wobei das letzte eine Art Epilog darstellt. Erzählt wird im Präsens aus der Sicht verschiedener Personen. Die Handlung spielt überwiegend im Jahr 1867. Eine Ausnahme bildet lediglich das letzte Kapitel. Der Aufbau ist unauffällig, aber funktioniert gut.

 

Der Schreibstil ist geprägt von zwei Merkmalen: Da sind einerseits die vielen Dialoge. Andererseits gibt es immer wieder atmosphärisch starke Beschreibungen, die düstere, aber intensive Bilder vor dem geistigen Auge erscheinen lassen.

 

Die Protagonisten, allen voran O‘Connor und Doyle, sind als vielschichtige Charaktere mit psychologischer Tiefe angelegt. Sympathieträger gibt es kaum.

 

Auf mehr als 300 Seiten ist die Handlung kurzweilig und spannend, manchmal aber ein wenig überdramatisch und nicht ganz realitätsnah. Bluttaten, Gewalt und andere kriminelle Machenschaften kommen zuhauf vor - nichts für allzu Zartbesaitete. Dennoch wirkt der Roman auf mich nicht unnötig brutal. Die letzten Kapitel sind überraschend, aber recht abwegig und haben mich etwas befremdet.

 

Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit, wie der Autor am Ende des Buches mitteilt. Tatsächlich wurden drei Mitglieder der Bruderschaft als „Manchester Märtyrer“ erhängt. Zudem beruhen einige Figuren auf realen Personen. Alle weiteren Dinge seien jedoch rein fiktiv, betont McGuire. Ein ausführlicheres Nachwort hätte den Roman weiter aufgewertet, denn die Themen (irische Migration nach England und die Bruderschaft) sind gleichermaßen interessant und - zumindest in Deutschland - weitgehend unbekannt. Auch aus der Geschichte selbst sind die genauen Hintergründe und Entwicklungen des englisch-irischen Konflikts leider nicht ersichtlich.

 

Das dunkle, reduzierte Cover passt gut zur Geschichte. Erfreulich finde ich, dass der treffende Originaltitel („The Abstainer“) für die deutsche Ausgabe wörtlich übersetzt wurde.


Mein Fazit:
„Der Abstinent“ von Ian McGuire ist ein Roman mit kleineren Schwächen, der für spannende Lesestunden sorgt und mich gut unterhalten hat.

Ein krankhaftes Selbstbild

Die Beichte einer Nacht - Marianne Philips

Seit sieben Monaten befindet sich Heleen nun schon in einer Nervenklinik. Mit dem Arzt möchte die Frau nicht reden. Doch eines Nachts beginnt sie, sich einer Schwester anzuvertrauen. Sie legt die Beichte ihres dramatischen Lebens ab und offenbart, womit sie sich Schuld aufgeladen hat.

 

„Die Beichte einer Nacht“ ist ein Roman der verstorbenen Autorin Marianne Philips, der bereits 1930 entstanden ist.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus zwei Teilen. Diese wiederum sind in Absätze, jedoch nicht in Kapitel untergliedert. Beide Teile sind als lange Monologe angelegt. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht der Protagonistin. Diese Idee gefällt mir, wobei die Umsetzung manchmal ein wenig bemüht wirkt.

 

Die Sprache ist unauffällig und recht simpel. Der Stil ist geprägt von nüchternen Beschreibungen und einigen kurzen Wortwechseln. Negativ sticht der geringe sprachliche Variantenreichtum hervor.

 

Ein großes Manko des Romans ist die charakterliche Ausgestaltung der Protagonistin, die zwar authentisch wirkt und über psychologische Tiefe verfügt, aber auch wenig Mitgefühl bei mir hervorgerufen hat. Heleen ist zwar ehrlich und stark, zugleich jedoch auch eine äußerst oberflächliche, eitle, egoistische und berechnende Persönlichkeit.

 

An der Lektüre hat mich das Setting sehr gereizt. Was mag eine psychisch kranke Frau zu beichten haben? Worin besteht ihr Leiden? Wie ist sie in der Anstalt gelandet? Leider ist die Geschichte allerdings schon früh recht durchsichtig. Die eigentliche Beichte habe ich bereits im ersten Viertel geahnt. Dadurch hat der Spannungsbogen für mich nicht funktioniert. Zudem enthält das letzte Viertel ein unglaubwürdiges esoterisches Element, das nicht zum Rest der Geschichte und dem Charakter der Protagonistin passen will.

 

Ganz interessant ist das von Judith Belinfante, der Enkelin der Autorin, im Jahr 2019 verfasste Nachwort. Es zeigt Parallelen zum Leben von Marianne Philips auf und erläutert die Entstehung des Romans. Dabei wird deutlich, wie ungewöhnlich das Schreiben für eine Frau ihrer Zeit war, noch dazu so offen und konkret über psychische Leiden. Der Roman ist für die damalige Verhältnisse also sehr modern und progressiv, was man der Autorin positiv anrechnen muss.

 

Das auf dem Cover abgebildete Gemälde passt sehr gut zur Protagonistin. Der deutsche Titel ist etwas irreführend, weil sich die Beichte über zwei Nächte erstreckt. Der prägnante Originaltitel („De biecht“) ist daher treffender.

 

Mein Fazit:
„Die Beichte einer Nacht“ von Marianne Philips ist ein für seine Entstehungszeit bemerkenswerter Roman, der mich in Gänze aber nicht überzeugen konnte. Eine nur bedingt zu empfehlende Lektüre.

Facetten unseres Lebens

Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? - John Green

Anthropozän, so heißt unser aktuelles Erdzeitalter. Was steht sinnbildlich für unsere Zeit? Was spiegelt unser Leben wider? Der Autor John Green stellt unterschiedliche Facetten dieser Epoche dar - und zwar in Form von Rezensionen.

 

„Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ ist ein Sachbuch von John Green.

 

Meine Meinung:
Das Buch beginnt mit einer sehr persönlichen Einleitung, deren Offenheit mich sofort eingenommen hat. Daran schließen sich 43 Texte, die Rezensionen, an, wovon nur eine bebildert ist. Sie bauen nicht aufeinander auf und können in beliebiger Weise gelesen werden. Das Buch endet mit einem Nachwort, Anmerkungen sowie den Text- und Bildnachweisen.

 

Alle Texte sind in der Ich-Perspektive verfasst. Der Schreibstil wechselt immer wieder zwischen sachlichen Darstellungen und faktenbasierten Passagen sowie Anekdoten und eigenen Anmerkungen, sodass der Inhalt zwar informativ ist, aber nicht zu trocken vermittelt wird. Die Sprache ist leicht verständlich und locker, aber angemessen und nicht zu salopp. Es gibt 45 Fußnoten.

 

Inhaltlich umfasst das Buch ein erfreulich breites Spektrum interessanter Themen. Es reicht vom Internet über Klimaanlagen und Teddybären bis zu Sonnenuntergängen. Auch populäre Marken, Produkte, Figuren und Phänomene werden rezensiert. Einschränkend ist anzumerken, dass einige Rezensionen für ein US-amerikanisches Publikum wohl besser nachvollziehbar sind, weil Dinge wie Dr Pepper dort wesentlich bekannter sind. Ich hatte allerdings keinerlei Verständnisprobleme.

 

Das Konzept, Aspekte des aktuellen Erdzeitalters zu rezensieren, gefällt mir. Obwohl ich nicht alle Bewertungen unterschreiben würde, habe ich mich prima unterhalten gefühlt. Das Gute: Nebenbei erfährt die Leserschaft nicht nur eine Menge Wissenswertes, sondern lernt auch den Autor selbst besser kennen. Zudem schafft er es, zum Nachdenken anzuregen.

 

Das Cover entspricht der amerikanischen Ausgabe und erschließt sich nicht direkt. Der deutsche Titel ist leider etwas ungelenk formuliert und nicht so treffend wie das Original („The Anthropocene Reviewed“).

 

Mein Fazit:
Mit „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ ist John Green ein ungewöhnliches und unerwartet persönliches Sachbuch gelungen, das gleichsam unterhaltsam, kreativ und lehrreich ist.

Das aufregende Leben der Emmy Seidlitz

Sturmvögel - Manuela Golz

Emmy Seidlitz ist 86 Jahre alt, als die Ärzte bei ihr Herzprobleme feststellen. Die Seniorin, die ansonsten noch ziemlich rüstig ist, kann auf ein aufregendes Leben zurückblicken. Und ihre Kinder müssen erkennen, dass die Mutter so ihre Geheimnisse hat...

 

„Sturmvögel“ ist ein Roman von Manuela Golz.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus 27 Kapiteln mit einer angenehmen Länge. Erzählt wird vorwiegend aus der Sicht von Emmy, aber auch aus der weiterer Personen. Dabei gibt es zwei Stränge: Einerseits spielt die Handlung in der jüngeren Vergangenheit (1994 und 1995) und andererseits in ferneren Zeiten (ab 1911). Zeitangaben zu Beginn der Kapitel machen die Orientierung leicht.

 

Der Schreibstil ist anschaulich und dank vieler Dialoge lebhaft, aber recht unspektakulär.

 

Protagonistin Emmy ist eine selbstbewusste und resolute Persönlichkeit, die mit ihrer direkten Art schnell meine Sympathie gewonnen hat. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr gut deutlich. Leider sind nicht alle Charaktere vielschichtig angelegt.

 

Der Roman basiert auf dem Leben der Großmutter der Autorin. Inhaltlich ist er abwechslungsreich. Die Schicksalsschläge und Erlebnisse, die Emmy widerfahren, machen die mehr als 300 Seiten umfassende Geschichte kurzweilig, facettenreich und unterhaltsam. Allerdings hatte ich mir eine etwas tiefgründigere und originellere Lektüre erhofft.

 

Ein schöner Pluspunkt ist das angefügte Glossar, das sich am Ende des Buches versteckt. Auch das Interview zum Roman gehört zum interessanten Zusatzmaterial.

 

Das moderne Cover gefällt mir gut. Der Titel ist passend.

 

Mein Fazit:
„Sturmvögel“ von Manuela Golz ist ein unterhaltsamer Roman, der mir schöne Lesestunden bereitet hat, aber das gewisse Extra vermissen lässt, um noch lange nachzuhallen.

Zwischen Tradition und Moderne

Laudatio auf eine kaukasische Kuh - Angelika Jodl

Olga Evgenidis, die Tochter georgischer Einwanderer, ist auf dem besten Weg, Ärztin zu werden. Auch privat läuft es für die junge Frau gut, denn sie ist mit dem 28-jährigen Felix van Saan liiert, den es ebenfalls in die Medizin drängt. Mit ihm will sie den Rest ihres Lebens verbringen. Doch dann begegnet ihr Jack Jennerwein, ein Lebenskünstler und Hallodri, der Gefallen an Olga findet und nicht mehr so schnell abzuschütteln ist...

 

„Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ ist ein Roman von Angelika Jodl.

 

Meine Meinung:

Der Roman beginnt mit einem Prolog, an den sich 14 Kapitel mit einer angenehmen Länge anschließen. Erzählt wird im Präsens aus der Sicht von Olga und aus der von Jack, jeweils im Wechsel. Dieser Aufbau funktioniert gut.

 

Der Schreibstil ist anschaulich und lebhaft. Er ist geprägt von vielen äußeren Dialogen und inneren Monologen.

 

Olga ist eine gleichsam reizvolle wie sympathische Protagonistin, die ich schon nach wenigen Seiten in mein Herz geschlossen habe. Ihr Fleiß, ihr Ehrgeiz, ihre Schlagfertigkeit und ihre erfrischende Art zeichnen sie aus. Weniger überzeugt haben mich die beiden männlichen Hauptfiguren des Romans, Felix und Jack, deren Faszination auf Olga sich mir nicht so recht erschlossen hat.

 

Auf unterhaltsame Weise bringt die Autorin ihrer Leserschaft das Land Georgien und seine Kultur nahe. Der Roman hat dabei einige skurrile Situationen und eine originelle Handlung auf Lager. Immer wieder gibt es humorvolle Passagen, die die rund 330 Seiten zu einem kurzweiligen Lesevergnügen machen. Gleichzeitig lässt sich Wissenswertes aus der Lektüre ziehen.

 

Thematisch bietet der Roman darüber hinaus ein weitreichendes Spektrum: Die Aspekte Migration, Diskriminierung, Identität, Klassenunterschiede, Traditionen und Rollenbilder geben einen guten Stoff zum Nachdenken und Diskutieren ab. Diese inhaltlichen Komponenten machen die Geschichte aktuell und facettenreich. Eine große Rolle spielt auch die Familie und deren Zusammenhalt. Alles in allem hätte ich mir jedoch noch ein wenig mehr Tiefgang gewünscht, denn die Liebesgeschichte nimmt sehr viel Raum ein und rückt die anderen Themen zu sehr in den Hintergrund.

 

Ungewöhnlich sind sowohl das Cover der gebundenen Ausgabe als auch der Titel. Beides finde ich passend und ansprechend.

 

Mein Fazit:

„Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ von Angelika Jodl ist ein humorvoller und kurzweiliger Roman, der mich gut unterhalten hat. Leider bleibt die Geschichte in einigen Punkten aber etwas zu oberflächlich und schöpft daher ihr Potenzial nicht komplett aus.

Junge hat schweres Leben

Der Junge, der das Universum verschlang - Trent Dalton

Australien in den 1980er-Jahren: Das Leben von Eli Bell in einem Vorort von Brisbane ist nicht einfach. Der Vater des Jungen ist verschwunden, sein Stiefvater ist ein Drogendealer und auch die Mutter ist mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Doch Slim, ein ehemaliger Häftling, passt auf den zwölfjährigen Eli und dessen Bruder August auf. Der Junge hat einen Traum. Aber es gibt noch einige Hindernisse zu überwinden...

 

„Der Junge, der das Universum verschlang“ ist der Debütroman von Trent Dalton.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus relativ kurzen Kapiteln. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Eli. Die Handlung umfasst mehrere Jahre.

 

Der Schreibstil ist recht ungewöhnlich und markant. Er ist geprägt von originellen Vergleichen, starken Sprachbildern und Wortneuschöpfungen. Die Sprache ist oft flapsig, teilweise ziemlich derb, wirkt aber durchaus authentisch. Das trifft vor allem auf die zahlreichen Dialoge zu. Kreativ ist auch, dass die Kapitelüberschriften immer aus drei Worten bestehen und fast ausschließlich mit dem Wort „Junge“ beginnen, auf den ein Prädikat folgt. Eingefügt sind mehrere Briefe und Artikel.

 

Die Protagonisten sind interessante Charaktere. Es fiel mir nicht schwer, mit dem sympathischen Eli mitzufühlen. Auch die Nebenfiguren sind reizvoll ausgestaltet.

 

Mit rund 500 Seiten ist der Roman recht umfangreich und hat gleichzeitig nur wenige Längen. Der Einstieg war für mich jedoch ein wenig verwirrend. Danach konnte mich die Geschichte immer mehr für sich einnehmen.

 

Inhaltlich ist die Geschichte ebenfalls sehr speziell. Thematisch geht es um Freundschaft, Familie, das Heranwachsen und wahre Liebe. Darüber hinaus steckt aber auch ernste Problematik in der Geschichte, denn Gewalt und Kriminalität spielen unter anderem ebenfalls eine große Rolle. Das macht den Roman facettenreich und berührend. Anzumerken ist dabei, dass er der Leserschaft einiges abverlangt.

 

Der deutsche Titel ist erfreulicherweise nahe am australischen Original („Boy swallows Universe“). Das Cover ähnelt ebenso der Gestaltung der Erstausgabe, was mir gut gefällt.

 

Mein Fazit:
„Der Junge, der das Universum verschlang“ von Trent Dalton ist ein ungewöhnlicher Roman, der trotz kleinerer Schwächen in mehrerer Hinsicht besonders ist.

Die unbekannten Seiten einer Schwester

So wie du mich kennst - Anika Landsteiner

Drei Wochen ist es her, dass ihre Schwester Marie in New York überfahren wurde. Nun findet sich Karla Staub mit deren Asche in ihrem Heimatdorf Unteroberheim in Unterfranken wieder. Früher verstanden sich die zwei Frauen bestens. Doch zwischenzeitlich haben sie sich etwas aus den Augen verloren. Wer war Marie wirklich, die als Fotografin im Ausland gearbeitet hat? Karla muss feststellen, dass sie nicht alles über ihre Schwester wusste...

 

„So wie du mich kennst“ ist ein Roman von Anika Landsteiner.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus Kapiteln und endet mit einem Epilog. Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht von Karla und Marie, jeweils in der Ich-Perspektive. Beide Stränge spielen zu unterschiedlichen Zeiten, sind aber gut miteinander verknüpft. Dieser Aufbau funktioniert prima.

 

Der Schreibstil konnte mich wieder einmal ab der ersten Seite begeistern. Er ist anschaulich, einfühlsam, atmosphärisch und auf angenehme Weise unaufgeregt. Dabei transportiert er mit wenigen Sätzen viele Bilder und Emotionen.

 

Im Fokus stehen die beiden Schwestern, zwei gleichsam sympathische wie authentische Protagonistinnen. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr gut deutlich.

 

Inhaltlich stellt sich die Geschichte als überraschend vielschichtig heraus. Es geht nicht nur um Tod und Verlust, Liebe und Beziehungen, Familie und Kindheitserinnerungen, sondern auch um sehr ernste Probleme. Besonders die Trauerthematik macht den Roman zudem immer wieder berührend, ohne kitschig zu sein. Die Neugier, was die Schwestern voreinander verheimlicht haben und wie es zu dem Unglück kommen konnte, verleiht der Handlung eine gewisse Spannung.

 

Das an ein Gemälde angelehnte Cover gefällt mir. Der Titel passt ebenfalls zur Geschichte.

 

Mein Fazit:
Nach „Mein italienischer Vater“ konnte mich Anika Landsteiner auch mit ihrem neuen Roman überzeugen. „So wie du mich kennst“ ist eine facettenreiche, berührende Lektüre, die zudem sprachlich gelungen ist. Schon jetzt eines meiner Lieblingsbücher 2021.

Wenn gesellschaftliche Erwartungen nicht erfüllt werden

Unterwasserflimmern - Katharina Schaller

Mit ihrem Freund, dem Architekten Emil, ist sie seit neun Jahren zusammen. Nun ist er 40 und wünscht sich endlich Kinder und ein Haus. Doch auch mit Anfang 30 ist die Redakteurin eines Magazins nicht bereit dazu. Sie vermisst die Unbeschwertheit der ersten Beziehungsjahre, möchte lieber weiterhin viel reisen, bis spät abends arbeiten und die Nächte durchtanzen. Und sie pflegt eine Affäre mit dem Endvierziger Leo, der verheiratet ist. Als auch Emil fremdgeht und den Seitensprung beichtet, ergreift sie die Flucht...

 

„Unterwasserflimmern“ ist das Romandebüt von Katharina Schaller.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus vier Teilen, die wiederum in kurze Abschnitte gegliedert sind. Erzählt wird im Präsens und in chronologischer Reihenfolge in der Ich-Perspektive aus der Sicht der Protagonistin.

 

Der Schreibstil ist die wohl größte Stärke des Romans. Trotz einer meist sehr einfachen Syntax ist er eindringlich und atmosphärisch. Die Sprache ist sehr direkt, teilweise derb bis vulgär, aber auch authentisch.

 

Im Vordergrund steht die namenlose Protagonistin, eine junge Frau, mit der ich mich nicht identifizieren kann und die ich nicht als sympathisch empfunden habe. Sie wirkt allerdings lebensnah. Etwas gestört hat mich, dass sie einen solch unreifen und egoistischen Eindruck macht und im Laufe des Romans keine deutliche Entwicklung erkennen lässt. Zudem tauchen einige weitere Charaktere auf, von denen manche recht blass bleiben.

 

Inhaltlich geht es darum, dass viele junge Frauen gesellschaftlichen Ansprüchen und Vorstellungen wie Ehe und Mutterschaft nicht gerecht werden können oder wollen, dass sie sich durch Sexualität ausdrücken und dass auch andere Lebensmodelle in Ordnung sind. Diese Form der Gesellschaftskritik kann ich unterschreiben. Sie taucht viel zu selten in Romanen auf. Die Grundthematik halte ich daher für begrüßenswert. Deren Umsetzung hat mich jedoch nicht ganz überzeugt. Die Unentschlossenheit und das widersprüchliche Verhalten der Protagonistin verwässern den Ansatz sehr. Zudem habe ich den Eindruck, dass etwas dick aufgetragen wurde, indem die Protagonistin beinahe jede moralische Grenze überschreitet.

 

Und doch hat dieser Roman etwas, das mich gefesselt und mich fasziniert hat, so dass ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe. Schon nach wenigen Sätzen entsteht ein Lesesog, der über die rund 230 Seiten nicht abgeschwächt wurde. Gut gefallen hat mir auch, dass es im letzten Teil noch zwei unerwartete Wendungen gibt, obwohl ich eine davon eher unglaubwürdig finde. Zur Geschichte passt es außerdem, dass am Ende noch ein paar Fragen offen bleiben.

 

Das moderne Cover gefällt mir optisch sehr gut. Das Motiv passt ebenfalls. Der prägnante und dennoch kreativ formulierte Titel ist eine gute Wahl.

 

Mein Fazit:
„Unterwasserflimmern“ von Katharina Schaller ist ein intensiver und ungewöhnlicher Roman mit einer interessanten Thematik, aber kleineren Schwächen. Alles in allem ein lesenswertes Debüt.

Zwei Gegensätze, die zusammenpassen

Reise mit zwei Unbekannten - Zoe Brisby

Sie haben zufällig dasselbe Ziel: Brüssel. Als sich die rund 95-jährige Maxine über ein Mitfahrerportal im Internet meldet, ahnt sie nicht, welche ungewöhnliche Fahrt sie erwarten wird. Eigentlich möchte die exzentrische Witwe nur zu einer Klinik gebracht werden, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Doch der 25-jährige Student Alex, zu dem die ehemalige Grundschullehrerin in den Twingo steigt, hält gar nichts von diesen Plänen. Auch er hat es nicht leicht im Leben. Zu allem Überfluss wird das ungleiche Paar unterwegs verfolgt und muss fliehen. Ob die beiden die belgische Hauptstadt da noch erreichen werden? 

 

„Reise mit zwei Unbekannten“ ist ein Roman von Zoe Brisby.

 

Meine Meinung:

Der Roman besteht aus 63 kurzen Kapiteln. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge aus einer auktorialen Perspektive, die sich meist auf Alex und Maxine fokussiert. Die Handlung umfasst nur etwas mehr als zwei Tage. 

 

Der Schreibstil ist anschaulich und dank vieler Dialoge sehr lebhaft. Gut gefallen hat mir insbesondere der Wortwitz, der an etlichen Stellen zum Tragen kommt. Er verliert sich auch nicht in der deutschen Übersetzung.

 

Mit Alex und Maxine stehen zwei sehr gegensätzliche Charaktere im Vordergrund. Mit ihrer frechen und sehr rüstigen Art war mir Maxine auf Anhieb sympathisch. Alex wirkt zunächst ziemlich wehleidig und übellaunig. Aber auch ihn habe ich im Verlauf der Handlung ins Herz geschlossen. Die Protagonisten sind ein wenig überzeichnet. Ihre Gedanken und Gefühle lassen sich jedoch gut nachvollziehen. Weitere Personen spielen eine stark untergeordnete Rolle.

 

Themen wie Alzheimer, Sterbehilfe und Depressionen bringen ernstere Töne in den Roman. Sie machen die Geschichte bewegend und sorgen für nachdenkliche Momente. Heitere und lustige Episoden überwiegen allerdings. Zwar nutzen sich manche Gags durch inhaltliche Wiederholungen ein wenig ab. Dennoch musste ich beim Lesen immer wieder lachen und schmunzeln.

 

Die Handlung des Roadtrips ist turbulent und abwechslungsreich. Mehrere Verwicklungen und Zwischenfälle machen die Reise zu einem unterhaltsamen Lesevergnügen. Dabei konnte ich darüber hinwegsehen, dass einige Ereignisse recht konstruiert erscheinen und manches ein wenig dick aufgetragen wurde. Die Botschaft der Geschichte, die recht plakativ vermittelt wird, ist positiv und lebensbejahend.

 

Ein schöner Pluspunkt ist die abgedruckte Playlist am Ende des Romans.

 

Das Cover ist modern und ansprechend gestaltet. Der deutsche Titel ist nicht unpassend, sagt mir aber nicht so zu wie die französischsprachige Variante („L'habit ne fait pas le moineau“). 

Mein Fazit:

„Reise mit zwei Unbekannten“ von Zoe Brisby ist ein amüsanter und charmanter Roman mit kleineren Schwächen. Wer es mit der Realitätsnähe nicht allzu genau nimmt, wird gut unterhalten.

Ein Sommer, der verändert

Der große Sommer - Ewald Arenz

Frieder, eigentlich Friedrich, Büchner hat es versemmelt. Er muss in die Nachprüfungen in den Fächern Mathe und Latein, wenn er in die zehnte Klasse versetzt werden und seinen Abschluss noch schaffen will. In den Sommerferien ist Lernen beim strengen Großvater angesagt. Damit fällt der Familienurlaub an der See für ihn aus. Doch zum Glück sind da noch seine jüngere Schwester Alma, sein Freund Johann und Beate Endres, das Mädchen im flaschengrünen Badeanzug. Zusammen erleben sie einen Sommer, der sein ganzes Leben prägen wird.

 

„Der große Sommer“ ist ein Roman von Ewald Arenz.

 

Meine Meinung:

Das Buch besteht aus 41 angenehm kurzen Kapiteln. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Frieder. Weder die Zeit, in der die eigentliche Geschichte spielt, noch der Ort, an dem sie angesiedelt ist, werden konkret genannt. Es handelt sich aber wohl um den Anfang der 1980er-Jahre in einer süddeutschen Stadt. Darüber hinaus gibt es kursiv gedruckte Einschübe mit Geschehnissen, die etliche Jahre später passieren.

 

Besonders begeistert hat mich der unaufgeregte, aber atmosphärisch starke Schreibstil. Gut gefallen haben mir vor allem die treffenden Vergleiche und schönen Sprachbilder, die für ein eindrucksvolles Kopfkino sorgen.

 

Gelungen ist auch die Darstellung der Figuren, die psychologische Tiefe besitzen und realitätsnah wirken. Zwar kann ich mich nicht mit Frieder, dem Protagonisten, identifizieren. Trotzdem lassen sich seine Gedanken und Gefühle sehr gut nachvollziehen, sodass ich seine Geschichte gerne verfolgt habe.

 

Inhaltlich deckt der Roman die großen Themen des Lebens ab, mit denen Frieder bei seinem Erwachsenwerden konfrontiert wird: Freundschaft und Angst, Respekt und Vertrauen, Liebe und Tod. An vielen Stellen wird deutlich, dass nicht nur Fiktion, sondern auch autobiografische Aspekte des Autors eingeflossen sind, die die Geschichte sehr authentisch machen.

 

Trotz der leisen Töne und des gemächlichen Erzähltempos kommt beim Lesen keine Langeweile auf. Auf mehr als 300 Seiten schafft es der Roman, mehrfach zu überraschen.

 

Die unaufdringliche und zugleich liebevolle Gestaltung der gebundenen Ausgabe spricht mich sehr an. Sowohl die Farbgebung als auch das Motiv sind wohl überlegt und passen gut zum Inhalt. Der prägnante Titel ist treffend formuliert.

 

Mein Fazit:

Mit seinem Roman „Der große Sommer“ hat mich Ewald Arenz auf ganzer Linie überzeugt. Eine empfehlenswerte Lektüre, die mich neugierig auf seine anderen Werke macht.

Ein Neubeginn auf Hirta

Sehnsucht nach St. Kilda - Isabel Morland

Großbritannien im Jahr 2005: Nach dem Tod ihres Mannes Josh ist die Londonerin Rachel Morrison alleinerziehende Mutter eines siebenjährigen Sohnes, Sam. Mehrere Schicksalsschläge hat sie hinter sich und sucht nun eine Zuflucht auf der Hebriden-Insel St. Kilda. Dort hat früher ihre Großmutter Annie gelebt. Vor rund 90 Jahren haben die letzten Einwohner jedoch das schöne Fleckchen Erde verlassen und sind aufs Festland gegangen. Mit anderen Helfern soll Rachel Gebäude für den National Trust instand setzen. Wird sie dort ihre Wurzeln und ein neues Glück finden?

 

„Sehnsucht nach St. Kilda“ ist der dritte Teil einer Romanreihe von Isabel Morland zu den Äußeren Hebriden.

 

Meine Meinung:

Der Roman besteht aus 40 Kapiteln mit einer angenehmen Länge. Vorangestellt ist ein Prolog. Es gibt zwei Erzählebenen: Einmal begleiten wir Rachel in der jüngeren Vergangenheit, ein anderes Mal Annie vor mehr als 90 Jahren. Dieser Aufbau funktioniert sehr gut.

 

Der Schreibstil ist gewohnt anschaulich, einfühlsam, atmosphärisch und warmherzig. Gelungene Beschreibungen lassen das tolle Setting der Geschichte lebhaft vor dem geistigen Auge erscheinen und lösen Fernweh aus. Zwar gehört das Buch zu einer Romanreihe. Allerdings lassen sich die drei Geschichten völlig unabhängig voneinander lesen und ohne Vorkenntnisse verstehen.

 

Rachel habe ich als sehr sympathische Protagonistin empfunden. Sie wirkt authentisch. In ihre Gedanken und Emotionen konnte ich mich gut einfühlen. Auch die übrigen Charaktere sind interessant.

 

Inhaltlich geht es einerseits um eine Liebesgeschichte, die gefühlvoll, aber ohne Kitsch erzählt wird. Darüber hinaus spielen andererseits einige weitere Themen eine Rolle, die die Geschichte facettenreich und tiefgründig machen.

 

Auf fast 400 Seiten konnte mich der Roman nicht nur immer wieder unterhalten und berühren, sondern mir auch allerhand Wissenswertes über die abgeschiedene Inselgruppe vor Schottland vermitteln. Dass die Autorin dort selbst einmal war und darüber umfassend recherchiert hat, zeigt sich anhand der beigefügten Bibliographie, der Erläuterungen im Nachwort und natürlich auch der Schilderungen im Roman selbst.

 

Das Cover fügt sich prima in die Reihe ein und ist erneut sehr hübsch geworden. Der Titel lädt zum Träumen ein.

 

Mein Fazit:

Zum wiederholten Mal bin ich mit Isabel Morland äußerst gerne auf die Äußeren Hebriden gereist. Mit „Sehnsucht nach St.Kilda“ ist ihr ein empfehlenswerten Abschluss der dreiteiligen Reihe gelungen, der mich in mehrfacher Hinsicht überzeugt hat.

Wenn ein Teil der Erinnerungen fehlt

Was wir sehen, wenn wir lieben - Kristina Moninger

Mai 2019: Für Teresa Kempf (27) ist es ein großer Schock. Mit retrograder Amnesie ist sie nach einem Sturz im Krankenhaus gelandet. Ihre letzte Erinnerung ist das tolle Date mit Henry Bayer im Juni 2014. Fünf Jahre sollen seither vergangen sein. Was ist seitdem passiert? Warum hat sich so viel geändert? Wer sind die neuen Leute in ihrem Leben? Und wo ist Henry, der sie so bezaubert hat? Für Teresa beginnt eine Spurensuche mit mehreren Herausforderungen.

 

„Was wir sehen, wenn wir lieben“ ist ein Roman von Kristina Moninger.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus 43 recht kurzen Kapiteln. Sie werden von einem Prolog und einem Epilog eingerahmt. Die Handlung spielt überwiegend in der Gegenwart. Der Prolog und einige Kapitel betreffen jedoch die Vergangenheit vor fünf Jahren. Im Epilog wird sogar noch weiter zurück gesprungen. Erzählt wird vorwiegend im Präsens in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Teresa. Es gibt allerdings auch Passagen, die aus der Sicht von Henry erzählt werden. Der Aufbau ist gut durchdacht.

 

Der Schreibstil ist unkompliziert und unauffällig, aber anschaulich. Viele Dialoge lassen das Geschehen lebhaft erscheinen.

 

Obwohl ich mich nicht so ganz mit Teresa identifizieren kann, mag ich sie als Protagonistin gerne. Noch sympathischer ist mir allerdings Henry. Die beiden Hauptcharaktere wirken authentisch, gut ausgestaltet und weitestgehend klischeehaft. Auch die Nebenfiguren sind interessant dargestellt.

 

Inhaltlich steht die Liebesgeschichte im Vordergrund. Darüber hinaus ist der Roman aber erstaunlich facettenreich und tiefgründig, denn es werden weitere große Themen wie die Identitätssuche, Familie und Freundschaft, Ziele im Leben und ähnliche Dinge aufgegriffen. Auf rund 450 Seiten ist der Roman damit nicht nur berührend, sondern bietet auch Stoff zum Nachdenken.

 

Zwar ist die Idee der Amnesie weder besonders originell noch neu. Jedoch wird dieser Ansatz gut umgesetzt und führt zu amüsanten Episoden. So kommt auch der Humor nicht zu kurz.

 

Das Cover ist wenig aussagekräftig, sagt mir aber dennoch zu. Die Gestaltung mit dem Vogel-Motiv wird erfreulicherweise auch im Inneren aufgegriffen. Der Titel klingt leider etwas schnulziger als die tatsächliche Geschichte.

 

Mein Fazit:
„Was wir sehen, wenn wir lieben“ von Kristina Moninger ist ein gleichsam unterhaltsamer wie bewegender Roman, der mir schöne Lesestunden bereitet hat.

Der Junge mit der ungewöhnlichen Gabe

Das Flüstern der Bienen  - Sofia Segovia

In den 1910er-Jahren in der kleinen mexikanischen Stadt Linares: Nachdem die alte Amme Reja das Baby unter einer Brücke gefunden hat, kommt der Junge Simonopio bei der Familie Morales unter. Dort lebt das stumme Pflegekind in einer Hacienda am Fuß der Berge mit einem Ehepaar sowie dessen beiden Töchtern. Mit den Bienen im verwilderten Garten kann der Junge kommunizieren. Mit seiner außergewöhnlichen Gabe hat er die Macht, die Familie zu beschützen. Doch der Bürgerkrieg, die Spanische Grippe, die Revolution und andere Umstände bergen so einige Gefahren...

 

„Das Flüstern der Bienen“ ist ein Roman von Sofía Segovia.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus 100 Kapiteln, die teils recht kurz sind. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven. Es gibt mehrere Zeitsprünge. Die Handlung umfasst einige Jahre. Dieser Aufbau macht den Roman ziemlich komplex.

 

Der Schreibstil ist sehr atmosphärisch, bildhaft und zugleich angenehm unaufgeregt. Die Geschichte beginnt in einem gemächlichen Tempo.

 

Simonopio, der stumme Protagonist mit dem sperrigen Vornamen, ist eine wunderbar liebenswerte Figur. Auch die übrigen Hauptcharaktere sind liebevoll ausgestaltet und haben meine Sympathie gewonnen.

 

Auf annähernd 500 Seiten gibt es nur wenige Längen. Obwohl die Handlung bereits vor langer Zeit spielt, hält die Geschichte durchaus Themen bereit, die auch aktuell diskutiert werden: vor allem das Bienensterben, die Zerstörung der Umwelt und die Diskriminierung andersartiger Menschen. Der Roman wartet zudem mit mehreren kreativen Ideen auf. Immer wieder ist die Geschichte von magischem Realismus durchsetzt. Das verleiht ihr einen gewissen Zauber, war mir an manchen Stellen jedoch etwas zu viel.

 

Interessant ist im Übrigen das Nachwort „Erklärung und Danksagung“, in dem man erfährt, dass die Geschichte zwar von realen Begebenheiten inspiriert wurde, aber sich die Autorin - trotz gründlicher Recherche - nicht immer an historische Fakten gehalten hat.

 

Der passende deutsche Titel ist recht wörtlich aus dem spanischsprachigen Original („El Murmullo de las Abejas“) übersetzt worden. Das Cover ist zwar durchaus ansprechend, aber nicht so stimmungsvoll wie das anderer Ausgaben.

 

Mein Fazit:
Der Roman von Sofía Segovia erzählt eine besondere Geschichte. Trotz kleinerer Schwächen hat mich „Das Flüstern der Bienen“ gut unterhalten.

Ein Sommer, den man nicht mehr vergisst

Hard Land - Benedict Wells

Sommer 1985 in der Kleinstadt Grady im US-Bundesstaat Missouri: Samuel Turner (15) ist ein schüchterner Außenseiter, der von seinen Mitschülern gemieden wird. Sein Kumpel Stevie ist gerade weggezogen, seine Schwester Jean ist schon länger aus dem Haus. Der Vater, Joseph, ist seit Längerem arbeitslos. Zudem hat Sam damit zu kämpfen, dass seine Mutter Annie unter einem Hirntumor leidet. Wie soll er bloß die langen Ferien rumbringen? Da kommt es ihm gerade recht, dass das örtliche Kino eine Aushilfe sucht. Sam findet dort nicht nur einen Job, sondern auch drei Freunde. Es beginnt ein unvergesslicher Sommer...

 

„Hard Land“ ist ein Coming-of-Age-Roman von Benedict Wells.

 

Meine Meinung:
Die Struktur ist wohl durchdacht. Der Roman besteht aus fünf Teilen - ebenso wie das gleichnamige, aber fiktive Werk, das in der Geschichte behandelt wird. In dem Gedichtband dreht es sich unter anderem um die angeblich 49 Geheimnisse von Grady. Genau so viele Kapitel hat folglich Wells Roman. Diese Verknüpfung finde ich sehr gelungen, zumal das fiktive „Hard Land“ auch dem Genre Coming of Age zuzuordnen sei, heißt es in dem Roman. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Sam.

 

Stilistisch ist der Roman der Jugendsprache nachempfunden, ohne jedoch zu vulgär oder salopp zu sein. Starke Dialoge machen das Geschehen lebhaft. Sehr angetan bin ich von den kreativen Wortneuschöpfungen und den tollen Sprachbildern.

 

Als gelungen empfinde ich außerdem die Darstellung der Figuren, die nicht stereotyp angelegt sind. Mit Sam steht ein sympathischer Protagonist im Vordergrund. Er kommt authentisch rüber. Seine Entwicklung habe ich gerne verfolgt. Auch die übrigen Charaktere wirken lebensnah und besitzen psychologische Tiefe.

 

Der Stoff des Romans ist weder neu noch einzigartig. Dennoch habe ich mich beim Lesen der etwas mehr als 300 Seiten nicht gelangweilt, denn der Autor schafft es zu berühren, ohne ins Kitschige abzudriften. Es geht um die großen, universellen Themen wie Liebe, Freundschaft, Familie, Trauer und natürlich alle Aspekte des Erwachsenwerdens - eingebettet in eine Hommage an die 1980er-Jahre mit vielen Referenzen zu Musik, Film und Lifestyle dieser Zeit. Immer wieder sind lebenskluge Sätze eingestreut, die zum Nachdenken anregen.

 

Die Handlung bietet nur wenige Überraschungen, ist aber durchweg stimmig. Im letzten Teil wird die Story inhaltlich ein wenig schwächer. Das schmälert meinen positiven Gesamteindruck aber kaum, zumal der Autor am Ende sogar Selbstironie beweist.

Das Cover ist hübsch. Wie bei einigen anderen Büchern des Verlags erschließt sich mir das Motiv jedoch nicht. Der Titel wiederum ist äußerst passend.

 

Mein Fazit:
„Hard Land“ von Benedict Wells ist ein Roman, der mich sowohl emotional bewegt als auch trefflich unterhalten hat.

Jugend in West und Ost

Lebenssekunden - Katharina Fuchs

Deutschland in den 1950er-Jahren: Nachdem Angelika Stein von der Schule geflogen ist, will zunächst kein Fotograf in Kassel die 15-Jährige ausbilden. Dann aber erhält sie die Chance, sich ihren Berufswunsch zu erfüllen. Derweil wird die gleichaltrige Christine Magold in Ostberlin darauf gedrillt, als Leistungsturnerin die DDR zu vertreten. Was verbindet die beiden?

 

„Lebenssekunden“ ist ein Roman von Katharina Fuchs.

 

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus vielen angenehm kurzen Kapiteln. Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht von Angelika und von Christine. Leider werden beide Erzählstränge erst recht spät miteinander verwoben. Die Handlung spielt vorwiegend in Kassel und in Berlin. Sie beginnt 1956 und deckt die Zeitspanne bis zum Jahr 1961 ab.

 

Der Schreibstil ist gewohnt anschaulich, detailliert und einfühlsam. Viel wörtliche Rede macht das Geschehen lebendig.

 

Schön finde ich, dass auch in dem neuen Roman der Autorin zwei junge und starke Frauenfiguren im Vordergrund stehen. Sowohl Christine als auch Angelika sind sympathische Charaktere, deren Geschichte ich gerne verfolgt habe. Ihre Gedanken und Gefühle sind sehr gut nachvollziehbar.

 

Inhaltlich geht es in dem neuen Werk wieder um authentische Lebensgeschichten. Neben den persönlichen Schicksalen bekommt der Leser viel Zeitgeschichtliches vermittelt. Das macht die Lektüre mit ihren etwas mehr als 400 Seiten nicht nur unterhaltsam, sondern auch besonders interessant.

 

Gut gefallen hat mir auch die „Nachlese“, in der die Autorin kurz zusammenfasst, was aus den Protagonistinnen im weiteren Verlauf ihres Lebens wird. Gewünscht hätte ich mir, dass ein Nachwort erläutert, ob die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht und was es mit den wirklichen Hintergründen auf sich hat.

 

Das stimmungsvolle und nostalgisch anmutende Cover passt gut zum Inhalt. Das trifft auch auf den prägnanten Titel zu, der zudem in seinem Wortlaut an die anderen Romane der Autorin erinnert.

 

Mein Fazit:
Mit „Lebenssekunden“ hat Katharina Fuchs zum wiederholten Male einen lesenswerten Roman geschrieben, bei dem vor allem Fans starker Frauencharaktere auf ihre Kosten kommen.

Nur eine von vielen

Kim Jiyoung, geboren 1982 - Cho Nam-Joo

Kim Jiyoung ist 33 Jahre. Zusammen mit ihrem Mann Chong Daehyon hat sie eine einjährige Tochter, Ziwon. Die kleine Familie wohnt in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung am Stadtrand von Seoul. Um für die Kleine zu sorgen, hat Jiyoung ihren Job aufgegeben. Sie ist eine von vielen koreanischen Müttern, die so oder so ähnlich leben. Doch plötzlich zeigt Jiyoung seltsame Anwandlungen: Immer wieder schlüpft sie unvermittelt in die Rollen ihr bekannter Frauen. Was hat es damit auf sich? Ihr Mann schickt sie kurzerhand zum Psychiater.

 

„Kim Jiyoung, geboren 1982“ ist ein Roman von Cho Nam-Joo.

 

Meine Meinung:
Das Buch besteht aus sechs Teilen. Es beginnt im Herbst 2015. Danach wird chronologisch die Biografie der Frau nacherzählt. Der zweite Teil umfasst die Jahre 1982 bis 1994 und beleuchtet Jiyoungs Kindheit, der dritte den Zeitraum von 1995 bis 2000, in dem es um ihre Jugend geht. Teil vier (2001 bis 2011) deckt ihre Studienzeit und den Einstieg ins Berufsleben ab, Teil fünf (2012 bis 2015) ihr bisheriges Eheleben. Zum Schluss kommt die Geschichte im Jahr 2016 an. Erzählt wird aus einer personalen Perspektive, wobei sich die Erzählstimme erst im sechsten Teil erschließt. Diese Struktur ist gut durchdacht und funktioniert hervorragend.

 

Ein Manko ist für mich der sehr nüchterne, schnörkellose und berichtmäßige Schreibstil. Unter anderem sind es die 18 Fußnoten, die den Text wie eine wissenschaftliche Abhandlung wirken lassen. Zwar wird zum Ende hin deutlich, warum die Autorin diesen Stil gewählt hat. Zudem entsteht nichtsdestotrotz ein Lesesog, wegen dem ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe. Alles in allem aber ist der Roman in sprachlicher Hinsicht leider kein Vergnügen.

 

Mit Jiyoung steht eine sehr durchschnittliche junge Koreanerin im Fokus der Geschichte, was den Roman allerdings keineswegs langweilig macht. Die Protagonistin bietet ein großes Identifikationspotenzial für viele andere Frauen innerhalb und außerhalb Koreas.

 

Der Inhalt des Romans hat es in sich. Auf nur rund 200 Seiten wird die Rolle von Frauen und Müttern in der Familie und der Gesellschaft allumfassend dargestellt - am Beispiel Jiyoungs, die stellvertretend für viele andere steht. Es geht um Sexismus, Diskriminierung, sexuelle Belästigung, Stalking, übergriffige Bemerkungen, Mansplaining und mangelnde Gleichberechtigung. Aufgezeigt wird die ganze Bandbreite der Misogynie in Korea. Der Roman macht schonungslos deutlich, mit welch hohen, teils widersprüchlichen und teils unerfüllbaren Erwartungen Frauen auch heutzutage konfrontiert werden. Er rüttelt auf, macht nachdenklich und wütend. Und das Buch taugt auch als Augenöffner, denn schnell wird klar: So viel anders sind die Rollenbilder in Europa nicht, auch hier sind Frauen nach wie vor benachteiligt, wenn auch nicht in solch extremem Ausmaß. In den letzten Absätzen des Romans wird die Aussage noch einmal überspitzt unterstrichen. Das war mir dann jedoch etwas zu viel des Guten.

 

Ein wenig zu kurz kommt meiner Meinung nach die psychische Krankheit Jiyoungs. Sie dient zu Beginn als Aufhänger und wird gegen Ende nur in recht kompakter Form noch einmal aufgegriffen.

 

Das Cover mit dem gesichtslosen Kopf betont, dass es bei der Geschichte nicht um einen Einzelfall handelt und Jiyoung nur eine von vielen ist. Auch der Titel passt meiner Ansicht nach gut.

 

Mein Fazit:
Auch wenn mich der Roman von Cho Nam-Joo in sprachlicher Hinsicht nicht begeistern konnte, ist „Kim Jiyoung, geboren 1982“ eine aufrüttelnde und absolut lesenswerte Lektüre. Ein Buch, dessen Inhalt noch eine Weile nachhallt und dessen wichtige Botschaft hoffentlich viele ins Grübeln bringt.